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| Roland Riese ist Geschäftsführer der Riese Electronic GmbH |
Der Trend zum Outsourcing scheint insbesondere in der Telekombranche ungebrochen anzuhalten. Ob und wie mittelständische deutsche Elektronikproduzenten von dieser Entwicklung profitieren können schildert Roland Riese im Interview. Stand in den Gründungsjahren noch die Entwicklungsdienstleistung im Vordergrund der Geschäftstätigkeiten, entwickelt und produziert riese electronic mit 120 Mitarbeitern hauptsächlich im Auftrag von Kunden aus dem Maschinen- und Apparatebau, der Automobilindustrie und Sicherheitstechnik.
Können auch deutsche mittelständische Elektronikproduzenten vom Outsourcing- Boom profitieren?
Riese: Das kommt auf die Perspektive an. Die meisten kleineren und mittleren Unternehmen, die Elektronik für Ihre Produkte benötigen, lassen diese schon von ein bis drei CEM fertigen. Also sind hier nur noch normale Konjunkturzuwächse möglich. Die großen Betriebe, die bisher eigene Entwicklungsabteilungen und Elektronikproduktionen unterhalten haben, gliedern diese zunehmend aus. Wollen nun Auftragsfertiger die Produktion dieser Produkte übernehmen, müssen sie mit vergleichsweise hohen Stückzahlen und hoher Komplexität rechnen. Ein Beispiel: Zur Zeit übernehmen wir für einen Kunden die Fertigung von 260 Baugruppen mit 2800 unterschiedlichen Bauteilen.
Ab welcher Größe kann ein Unternehmen sinnvoll und wirtschaftlich als CEM-Betrieb auftreten?
Riese: Da potentielle Auftraggeber in Zukunft mehr denn je alles aus einer Hand erhalten wollen und keine Einzelprodukte, sondern nur noch komplette Systeme kaufen wollen, muss der CEM-Betrieb einerseits über ausreichend Personal verfügen, um alle benötigten Bereiche vom Ein- und Verkauf über Lager, Forschung und Entwicklung bis zur Produktion abdecken zu können. Unserer Erfahrung nach sind dazu mindestens 100 Mitarbeiter erforderlich. Andererseits muss der Maschinenpark dem aktuellen Stand entsprechen und z.B. das automatische Bestücken, Drucken, Dispensen, Löten und Lackieren und auch das Testen abdecken.
Welche Rolle spielt die eigene Entwicklung für einen CEM?
Riese: Ein CEM muss eine Entwicklungsabteilung vorhalten. Der Kunde setzt immer stärker voraus, dass er mit einem Partner arbeitet, der Komplettlösungen anbieten kann. Dafür brauchen wir die Entwicklung auf jeden Fall. Der Sorge der Kunden, durch Nutzung unserer Entwicklung und Fertigung Know-how an Konkurrenten zu verlieren, tragen wir Rechnung, indem wir nicht für mehrere Unternehmen arbeiten, die in direkter Konkurrenz in einer Branche stehen. Der Kunde muss die Sicherheit haben, dass wir unsere Mannschaft im Griff haben und nicht für den Wettbewerb Probleme lösen.
Die Bereitstellung dieser umfassenden Ressourcen dürfte aber gerade für kleinere Fertigungsdienstleister problematisch sein!
Riese: Diesen hohen Ansprüchen kann sicher nicht jedes Unternehmen entsprechen, ich sehe daher einen großen Fusionsdruck auf die kleineren Unternehmen der Branche zukommen.
Was kann ein mittelständisches Unternehmen diesem Fusionsdruck entgegenhalten?
Riese: Es gibt die eine Möglichkeit, dass sich ein kleineres mit einem größeren Unternehmen zusammentut, um gemeinsam am Markt aufzutreten oder in irgendeiner Weise zu fusionieren. Es gibt aber für das kleinere Unternehmen noch die Alternative, dem Größeren zu ermöglichen, ganze Bereiche auszugliedern, deren Aufgaben der Mittelständler übernimmt. Damit hat das größere Unternehmen den Vorteil flexibler und schneller und vielleicht auch preisgünstiger reagieren zu können.
Hilft hier, dass einerseits der Elektronikanteil in Maschinen und Anlagen wächst, die Firmen aber nicht über entsprechendes Expertenwissen verfügen?
Riese: Der Hauptgrund, dass wir interessant sind für Maschinenbaubetriebe liegt darin, dass die Wertschöpfung in der Elektronik, insbesondere im Bereich der Auftragsfertigung, klein geworden ist: Die Automatisierung ist vorangeschritten und es stehen ausreichend Montageeinrichtungen zur Verfügung.Hier fällt es Unternehmen, die Produkte mit vergleichsweise niedrigem Elektronikanteil herstellen, schwer, die Vorteile einer großen Fertigung zu nutzen. Darunter leiden häufig Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus. Gleichzeitig steigt aber auch hier der zugekaufte Materialanteil - gerade durch die benötigten immer höher integrierteren elektronischen Bauteile. Die Kosten für die Elektronikschaltung werden dabei zum wesentlichen Teil schon mit dem Einkauf festgelegt: In hochintegrierten Produkten entfällt in der Regel ein Anteil von 75% des erzielbaren Verkaufspreises auf die Materialkosten, von den restlichen 25% muss u. a. auch die Montage bezahlt werden. Das bedeutet, dass sich bei der heute üblichen raschen Technologiefolge Unternehmen auf dem neuesten Stand halten müssen und verstärkt Elektronik einsetzen müssen, sonst bleiben sie bei den Kosten auf hohem Niveau hängen, was bei dem herrschenden ständigen Kostendruck tödlich wäre.Wenn die Einkaufsmenge der einzelnen Bauteile nicht groß genug ist, führt das zu Problemen, auch wenn vielleicht das Gesamtvolumen interessant ist.
Das bedeutet aber für einen CEM, dass er Logistikdienstleistungen vorhalten muss?
Riese: Wir haben genau aus diesem Grund 1999 ein Logistikzentrum mit großer Lagerkapazität eingerichtet und dort unter anderem neben einem Hochregallager zehn Paternoster mit 6 Meter Höhe stehen, in denen wir gegenwärtig bis zu 20000 Komponenten auch im Auftrag unserer Kunden lagern und so auch z.B. bei Allocation unsere Kunden noch beliefern können. Die Materialwirtschaft ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg auch eines mittelständischen Unternehmens. Je höherwertige Produkte ein Unternehmen herstellt, desto höherwertige Ausgangskomponenten wie hochintegrierte Schaltkreise enthält das Produkt. Diese Komponenten haben aber zum Teil erhebliche Lieferzeit.Wir verarbeiten Produkte, bei denen die Lieferzeit sieben Monate betragen kann. Unsere Kunden sind langfristig nicht bereit, alleine acht Monate zu warten, bis sie das fertige Produkt geliefert bekommen, weil für die Beschaffung der Vorkomponenten schon sieben Monate benötigt werden. Wir haben daher ein neues Verfahren eingeführt:Der Kunde schickt uns nicht mehr einfach seine Bestellungen, sondern nennt uns den vermuteten Bedarf der nächsten 12 Monate. Diese Schätzung wird jeden Monat aktualisiert.Wir informieren unsere Lieferanten basierend auf diesen Zahlen und werden im Gegenzug bevorzugt behandelt.Wenn der Kunde den konkreten Auftragt gibt, können wir in drei bis vier Wochen liefern. Dieses Forecast-System mit dem wir neuerdings arbeiten, reduziert die Lieferzeit hochintegrierter Geräte drastisch, denn die reine Bearbeitungszeit ist gegenüber der Materialbeschaffung immer nur ein Bruchteil. Solche Projekte sind nicht trivial umzusetzen und stellen für viele kleinere Unternehmen eine zu hohe Hürde dar.
Wie wichtig ist im CEMGeschäft die Kundennähe?
Riese: Hier ist zwischen hochvolumigen Serienprodukten, bei denen Änderungen nur in längeren Zeiträumen vorgenommen werden, und kleine und mittlere Serien zu unterscheiden. Erstere können im Ausland gefertigt werden, hier werden sich deutsche Unternehmen langfristig schwer tun. Aber bei mittleren und kleineren Stückzahlen, wie sie bei Sondermaschinen und Sonderanlagen üblich sind und bei Produkten, die Änderungen unterliegen ist die räumliche Nähe zum Kunden wichtig - räumliche Nähe heißt aber nicht vor der Haustüre des Kunden. Es reicht,wenn man mit allen Kommunikationsmitteln erreichbar ist und notfalls in zwei bis drei Stunden vor Ort sein kann. Da wir in sämtlichen Unternehmensbereichen Mitarbeiter haben, die Englisch sprechen und schreiben können, haben wir eine Exportquote von ca. 15%.
Wie sehen Sie die allgemeine Entwicklung des Produktionsstandorts Deutschland?
Riese: Ich glaube, dass das Produzieren in Deutschland noch schwieriger wird.Unsere Unternehmen stehen unter einem starken Preisdruck, der von den Billigstandorten in Ost und Süd ausgeht. Betriebe in Deutschland reagieren durch Konzentration, Aufkauf und Fusion oder durch Produktionsverlagerungen ins Ausland.
Wie sehen sie die Erweiterung der EU? Verschärft das die Situation weiter?
Riese: Dass es leichter wird, glaube ich nicht. Beitrittskandidaten mit einem wesentlich niedrigerem Lohn- und Produktionskostenniveau können für den Mittelstand bedeuten, dass er mehr Kapital benötigt, um sein Know-how in diese Länder zu tragen und mit den Unternehmen vor Ort etwas aufbauen zu können. Nur so können wir unsere Mitarbeiter weiterbeschäftigen, andernfalls werden wir über den Preis aus dem Markt gedrängt.
Wie reagiert Riese Electronic auf diese Entwicklungen?
Riese: Wir setzen verstärkt auf Partnerschaften, zum Beispiel in Südchina und Slowenien. Und wir bauen unsere Abteilungen vor Ort aus.Dies führt zwangsläufig zu einem größeren Raumbedarf. Für die nächste Erweiterung unseres Unternehmens um 1200 Quadratmeter sind die Pläne schon fertig. Auch Schulungsmöglichkeiten für Kunden und Mitarbeiter werden an Bedeutung gewinnen. Außerdem sind wir heute schon in der Lage, direkt beim Kunden zu fertigen. In dieses Konzept passt unser zweiter Standort in Thüringen natürlich ideal. (jr) |
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