Siemens will mit horizontal und vertikal integrierten Automatisierungslösungen und entsprechenden Dienstleistungen seine Position in der Industrie weiter ausbauen. Die Umbenennung des Bereich ‚Anlagenbau und Technische Dienstleistungen‘ in ‚Industrial Solutions & Services‘ spiegelt den nachhaltigen Wandel vom Systemintegrator zum Lösungsanbieter wieder. Im Interview mit DESIGN&VERIFICATION gibt Konrad Pernstich einen Überblick über die Möglichkeiten, wie Produzenten ihre Wettbewerbsfähigkeit mit Hilfe ganzheitlicher Lösungsansätze kontinuierlich verbessern können.
A&D: Sie durchlaufen einen Wandel vom Systemintegrator zum ‚Solution Provider‘. Was hat diese Neuausrichtung hervorgerufen?
Pernstich: Es kommt heute nicht mehr alleine darauf an, Automatisierungssysteme einzeln zu integrieren und zu optimieren, sondern Hard- und Softwareinseln durch innovative IT-Lösungen zu einer intelligenten Fabrik zu verbinden. Schlüssel dazu sind dabei nicht alleine Standardisierung, Modulbauweise und IT-gestützte Prozesse, sondern der Erfolg hängt von deren Kombination mit dem spezifischen Branchen-Know-how in der Prozess- und Fertigungsindustrie ab. Nur durch diese Kombination lassen sich Synergien nutzen und die Produktivität von Prozessen verbessern. Innovationen müssen sich dabei mehr denn je an der gesamten Prozesskette vom Wareneingang eines Unternehmens bis zur Haustüre des Kunden und zugleich auch am Lebenszyklus der Anlage orientieren.
A&D: Wo sehen sie die größten Optimierungspotentiale bei ihren Kunden?
Pernstich: In der Regel bieten sich über den gesamten Bereich der Wertschöpfungskette die Möglichkeit Optimierungen durchzuführen. Bereits in der Engineering-Phase und dann beim der Inbetriebnahme müssen diese Potentiale erkannt und genutzt werden, eine Aufgabe, die wir als Lösungsanbieter mit erfüllen müssen. Es gilt, die Lösungen auf der Hard- und Softwareseite zu modularisieren und zu standardisieren, um nicht jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen. Diese Module können dann zusammengesetzt und dem spezifischen Bedarf angepasst werden, wobei darauf zu achten ist, dass die Qualität der Lösung nicht leidet. Nur so können wir die Produktivität und Kostenanforderungen erfüllen und im Wettbewerbs bestehen. Darunter darf natürlich nicht die Qualität der Lösung leiden. Auch bei der Inbetriebnahme können wir Optimierungspotentiale freisetzen. Wenn ein Unternehmen ein ungetestetes System beim Kunden aufbaut, wird die Inbetriebnahmephase durch nicht erwartete Fehler und deren Diagnose und Auffindung sowie Behebung verlängert. Diese Probleme können mit Hilfe einer Simulation der Anlage auf einem Rechner rechtzeitig erkannt und vermieden werden und damit die Inbetriebnahmezeiten verkürzt werden. In diese Richtung bauen wir unsere Aktivitäten weiter aus.
A&D: Wie kann eine durchgängige Lösung auch beim Regelfall der Modernisierung einer Anlage erreichen? Pernstich: Nur durch eine Unabhängigkeit und dem Umgang mit Produkten anderer Lieferanten können wir bei der Modernisierung von existierenden Anlagen bestehen und die besten Lösungen erreichen. Voraussetzung ist, dass die Anlage zusammen mit dem Kunden sehr genau analysiert wird und muss entschieden werden, welche Anlagenteil beibehalten werden können und welche nicht.
A&D: Ist eine Standardisierung bzw. Wiederverwendung von Lösungen in einer Multi-Vendor-Umgebung überhaupt möglich?
Pernstich: Unsere Automatisierungsplattform ist in der Regel unabdingbare Voraussetzung und Basis. Würden wir hier unterschiedliche Plattformen verwenden, wäre eine Standardisierung undenkbar. Die Integration von Schnittstellen zu anderen Plattformen sind natürlich trotzdem sinnvoll und gehören zu unserem täglichen Brot. Wir haben zum Beispiel bei einem Projekt in der Stahlbearbeitung die komplette Basisautomatisierung eines anderen Lieferanten beibehalten, Schnittstellen geschaffen und von diesen ausgehend den Rest der Lösung entwickelt. Auf der MES-Ebene ist es so, dass wir im Grunde kein Hersteller oder Lieferant der Software sind, sondern wir setzen auf am Markt verfügbare Produkte. Unsere Aufgabe besteht dann darin, diese zu intelligenten Lösung zusammenzusetzen.
A&D: Sie arbeiten eng mit dem Siemensbereich Automation & Drives zusammen und sind dessen größter Abnehmer von Automatisierungsprodukten. Ist da die erwähnte Unabhängigkeit sichergestellt?
Pernstich: Wir setzen bei der Wahl einer Automatisierungsplattform oder bei den Großantrieben auf die Produkte aus dem Hause Siemens. Alle anderen Produkte sehen wir als Commodity-Produkte und verwenden diese herstellerunabhängig je nach Passfähigkeit, Kundenwunsch und Eignung, entscheidend ist dabei nur, dass Leistungsfähigkeit, Qualität und Kosten in einem angemessenen Verhältnis stehen. I&S ist ein eigenständiger Bereich und muss als solcher auch eigenverantwortlich und wirtschaftlich orientiert handeln. Es verlangt daher niemand in der Siemensführung, dass wir einen anderen Bereich durch die Abnahme von möglichst vielen Produkten fördern und unser eigenes Ergebnis aus den Augen verlieren.
A&D: Der Wandel in der herstellenden Industrie ist noch lange nicht abgeschlossen. Welche zentralen Veränderungen beobachten Sie?
Pernstich: Die Betrachtung der gesamten Kosten über den Lebenszyklus gewinnt bei der Herstellung eines Produkts im Vergleich zu den einzelnen Kosten für den Betrieb, wie zum Beispiel die Kosten für Instandhaltung, Material, Arbeit, immer mehr an Bedeutung. Es sind gerade die Life-Cycle-Kosten abgeleitet aus Verfügbarkeit, Optimierung des Prozessablaufs, Qualität, Ressourcen- und Umwelt oder Asset Management, die die Produktivität, Profitabilität und damit Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen bestimmen. Stand früher die Frage im Vordergrund, was die Software und was die Hardware leistet, lautet die Fragestellung nun: Was braucht der Kunde, um sein Ziel zu erreichen. Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir mit denjenigen sprechen, die über die technischen Aspekte und Anforderungen der Prozesse und Verfahren bzw. Aussagen machen können, aber auch mit denjenigen, die die Entscheidungen im Unternehmen treffen und die Zielsetzungen und Businessmodelle des Unternehmens kennen.
A&D: Heißt das, dass Sie nicht mehr als Systemintegrator auftreten wollen?
Pernstich: Die Anpassung auf die veränderten Anforderungen erfolgt nicht in einer Stufenfunktion, sondern sehr kontinuierlich. Das relativ einfache Integrieren brauchen wir immer noch, weil auch diese Aufgaben noch anstehen. Am Low-End-Bereich werden wir mehr und mehr untervergeben, aber auch weiter über entsprechendes Know-how verfügen.
A&D: Ab wann ist für Sie ein Projekt nicht mehr interessant?
Pernstich: Wir machen das letztendlich am Ergebnis fest. Es muss für uns und den Kunden eine Win-Win-Situation bestehen. Werden wir zum Beispiel mit einem Billiganbieter konfrontiert und ist eine erforderliche Gewinnspanne nicht einzuhalten, ziehen wir uns aus den Verhandlungen zurück. Wir verfolgen hier einen klaren No-Bit-Ansatz. Ob ein Projekt für uns interessant ist, hängt nicht von der Größe des Projekts ab. Wenn der potentielle Auftrag allerdings z.B. nur aus dem Verkauf und der Installation einiger Motoren und eines Schaltschranks besteht, lehnen wir in der Regel den Auftrag ab.
A&D: Hat sich das Herangehen an den Kunden verändert?
Pernstich: Wir können nicht mehr warten, bis die Kunden auf uns zukommen, sondern wir müssen proaktiv auf ihn zugehen und ihm aufzeigen, dass wir mit unseren Lösungen Vorteile bieten können. Wir wollen unser Geld nicht über das Verkaufen von Ingenieursstunden verdienen. Vielmehr ist das Value-Selling das Leitmotiv im industriellen Lösungs- und Dienstleistungsgeschäft - die Umsetzung ist die wesentliche Aufgabe von I&S heute und morgen.
|
| |
|
 |
|