Getrieben durch Globalisierung, Deregulierung und insbesondere das Internet befinden sich die Märkte in einem Wandel, der von hoher Dynamik gekennzeichnet ist. An die Unternehmen ergeben sich daraus höhere Anforderungen hinsichtlich Flexibilität und Schnelligkeit. ABB antwortet darauf in zweifacher Weise: Einmal durch einen Umstrukturierungsprozess, zum anderen mit durchgängigen Kommunikationslösungen zur Integration aller Informationen.
n Was sind die Gründe bzw. Zielsetzungen der Umstrukturierung?
Heinrich: Am 11. Januar 2001 gab CEO Jörgen Centerman eine Neuausrichtung des ABB-Konzerns bekannt, die den Fokus von der Technologie auf den Kunden verlagert. Die Kunden erhalten damit mehr Klarheit und Einfachheit - es wird Ihnen erleichtert, mit ABB Geschäfte zu machen. Es gibt jetzt vier, auf die Endabnehmer ausgerichtete Kundenbereiche: Versorgungsunternehmen, Öl, Gas und Petrochemie, Prozessindustrien sowie Fertigungs- und Konsumgüterindustrien. Sie sollen den Zugang zu sämtlichen ABB-Produkten und Serviceleistungen erleichtern. Diese werden ergänzt von zwei Produktbereichen und einem Bereich für Finanzdienstleistungen. Die Produktbereiche tragen die Verantwortung für alle Produktbedürfnisse des Konzerns und bedienen neben dem internen Verkauf die externen Vertriebskanäle wie OEMs, Systemintegratoren, Großhändler usw. Die New Venture Ltd. soll darüber hinaus neue Geschäftsmöglichkeiten ermitteln und die Entwicklung neuer Geschäfte beschleunigen. Der Kunde hat mit dieser Struktur nun eine einzige Schnittstelle zu ABB.
n Worauf zielt das ‚IndutrialIT‘-Angebot ab?
Heinrich: Die Steigerung oder Stabilisierung der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens erfordert eine hohe Informationsverfügbarkeit in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Es geht dabei um die berühmten fünf ‚Rs‘: die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort der richtigen Person in der richtigen Aufbereitung verfügbar zu machen. Hierzu ist eine Integration der Prozess-/Fertigungsautomatisierung mit den IT- bzw. Business-Systemen erforderlich. Das bedeutet Durchgängigkeit vom Feldbereich über die Automatisierungsebene bis zum Betriebswirtschaftlichen/Logistischen-System und eCommerce-Installationen, also die vertikale Integration. Diese geht einher mit der horizontalen Integration, d.h. einem Informationsfluss, der eine Anlage - bzw. einen Teil davon - über den gesamten Lebenszyklus begleitet. Dies beginnt mit der ersten Planung, über Engineering und Inbetriebnahme bis hin zum Betrieb und Service sowie ggf. einer späteren Modernisierung. Die Daten richtig aufbereitet, erhöhen entscheidend die Flexibilität des Unternehmens und tragen wesentlich dazu bei, Entscheidungen in allen Bereichen rascher zu treffen - also bei Management, Produktionsplaner, Betriebsleiter, Einkauf, Vertrieb und Anlagenservice. Mit IndustrialIT bietet ABB diese Integration der Informationen. Jouko Karvinen, Mitglied des Executive Committee ABB, Zürich, verantwortlich für Automation Technology Products hat das so formuliert: „... als Antwort auf die Entwicklungen am Markt setzen wir bei ABB mit unseren IndustrialIT-Lösungen auf die Integration der Information. Alle Lösungen basieren auf einer einheitlichen Systemarchitektur, die es erlaubt, die Produktivität des Kunden zu steigern, die eingesetzten Produktionsgüter, auch Assets genannt, zu optimieren und wirklich Hilfe zu geben, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen. Zu dieser Architektur gehört ein entsprechendes Produktportfolio und Geschäftsmodell - das alles zusammen verstehen wir unter IndustrialIT.“
n Was bedeutet dieser neue Weg für den Kunden konkret?
Heinrich: Lassen Sie mich anhand der Automatisierungsprodukte für große Verbrennungsmotoren, wie sie schwerpunktmäßig in Schiffen und Blockheizkraftwerken eingesetzt werden, beispielhaft erläutern, wie der Kunde von dieser Neuausrichtung profitieren kann: ABB betrachtet in der Automatisierung nicht nur Teillösungen, sondern hat möglichst die gesamte Wertschöpfungskette des Kunden im Blickfeld. Beispielsweise hat das Unternehmen im Marine- und Energiebereich eine starke Marktposition - hier endet das Angebot, sofern vorhanden, nicht beim Verbrennungsmotor, sondern bezieht diesen ebenfalls mit ein. Die Bedeutung des Motors im Rahmen einer Gesamtanlage für eine wirtschaftliche und sichere Betriebsweise kann nicht hoch genug angesetzt werden. Ein Dieselmotor, wie er beispielsweise auf großen Containerschiffen eingesetzt wird, kostet etwa 3 bis 5 Mio. Euro und hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 20 Jahren. Schiffe müssen in einer exakt festgelegten Zeit bestimmte Fahrstrecken oder Routen zurücklegen. Verzögerungen bedeuten wirtschaftliche Verluste, ungewollter Stillstand auf See bildet darüber hinaus noch ein hohes Sicherheitsrisiko. Bei dem harten Wettbewerb gilt es weiterhin, die Betriebskosten soweit wie möglich zu senken. Für die Hauptmotoren - meist Dieselmaschinen - bedeutet das, hohe Anforderungen hinsichtlich Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit, Wartungs- und Servicefreundlichkeit zu erfüllen. ABB hat für diese Aufgaben das passende Konzept - High-tech-Produkte eigener Herstellung zur Ausrüstung der Motoren in Verbund mit wirksamer Anwenderunterstützung und umfassendem Service. Die Produkte können wahlweise einzeln bezogen werden oder fertig konfiguriert als Paketlösung mit maßgeschneidertem Engineering.
n Unter dem neu kreierten Motto ‚Around the Engine‘ vermarktet ABB in einer Gesamtkonzeption verschiedene Einzelkomponenten, die bereits seit langer Zeit hergestellt und vertrieben werden. Um welche Komponenten handelt es sich hauptsächlich?
Heinrich: Zu den Kernprodukten von AtE gehören: Zylinderdrucküberwachung, Temperatur-messtechnik, Drehzahlregler sowie Alarm- und Sicherheitssysteme. Der Kunde hat mehrere Möglichkeiten - er kann die Produkte einzeln beziehen oder als Paket. Bei Bedarf mit Engineering, welches dann von unserem Geschäftsgebiet Marine in Hamburg erledigt wird. Liefert beispielsweise ABB auch für das Schiff, auf dem der Motor zum Einsatz kommt, die Leittechnik, so lässt sich in idealer Weise eine informationstechnische Integration bzw. Verknüpfung mit dem Motor vornehmen. Da diese Integration viele Vorteile bietet, werden wir sie bei unseren Geschäftsabläufen vorantreiben, um dem Kunden das Leben zu erleichtern.
n Wie sieht das Zusammenspiel der so integrierten Komponenten in der Praxis aus?
Heinrich: Die Zylinder-Drucküberwachung ‚Cylmate‘ misst online die Zylinderdruckverläufe mit verschleissfreier Sensortechnik und führt in Echtzeit eine präzise Analyse der Verbrennungsvorgänge des gesamten Motors durch. Ferner wird der Kurbelwinkel über ein neuartiges Scanner-Verfahren am Schwungrad ermittelt und mit einer Simultanberechnung des Motormodells für eine echte OT-Bestimmung optimiert. Das heisst, Cylmate liefert in Echtzeit zuverlässige Betriebsdaten aus dem Inneren des Motors für Alarmüberwachung, Prozessdiagnostik und Regelung. Damit heben sich diese neue technische Generation und ihr Nutzen eindeutig von den bislang bekannten ‚elektronischen Indikatoren‘ ab.
n Wie werden die erhaltenen Signale weiter verarbeitet und wie wird daraus ein Zylinder-Drucküberwachungssystem?
Heinrich: Die digitale Mess-Signalaufbereitung findet bereits dezentral an jedem Zylinder statt, die entsprechende Elektronik ist jeweils in der Feldbus-Verbindung der ‚intelligenten‘ Drucksensoren integriert. Über diese Busverbindung werden die Messdaten von dem Cylmate-Controller, der sich in einem Schaltschrank im Maschinenraum befindet, eingelesen und verarbeitet. Diese Steuereinheit ist gewissermaßen das Gehirn des Systems; dort finden die Winkelkompensations-Berechnungen mit Hilfe des Motor-Modells und die Auswertung der Alarmüberwachungsfunktionen statt. Die Steuereinheit meldet die Daten der Verbrennungsdruckanalyse und Alarmereignisse über verschiedene Schnittstellen an die übergeordnete Schiffsautomation oder auch direkt an die Motorsteuerung.
n Wie und wo werden die Temperaturen gemessen?
Heinrich: Die messtechnisch interessantesten Stellen sind in erster Linie die Abgastemperaturen; darüber hinaus haben die Temperaturmessungen in den Kühlwasser-, Öl- und Kraftstoffströmen sowie an den Lagerschalen eine wesentliche Bedeutung in der Betriebsüberwachung des Schiffsmotors. Die höchsten Anforderungen werden nach wie vor an die Abgastemperatursensoren gestellt, da diese direkt in den heißen Zonen am Zylinderauslass sowie vor wie auch nach dem Turbolader positioniert werden. Die Temperaturen betragen hier bis zu 800 °C. Zum Einsatz kommen nur hochvibrationsbeständige Thermoelemente mit Mantelleitungen, die z.T. bis zu 150 g schwingungsgeprüft sind. Ebenso gibt es hier Anforderungen nach einer möglichst geringen Ansprechzeit zur zuverlässigen Motorüberwachung. Für die Erfassung der Kühlwassertemperaturen eignen sich wegen der niedrigeren Prozesstemperatur sowie der niedrigeren Schwingungsbelastungen Widerstandsthermometer vom Typ Pt 100 sowie Pt 1000.
n Was sind die besonderen Merkmale des Drehzahlreglers?
Heinrich: Der ‚Dego III‘ ist z.B. eine digitale Drehzahlsteuerung mit einem großen Anwendungsbereich für Generatorsätze und Schiffsantriebe mit entsprechenden elektrischen Stellgliedern für Drehmomente von 70 bis 400 Nm. Alternativ können auch hydraulische Stellregler eingesetzt werden. Die Vorzüge liegen in der einfachen und vielseitigen Systemprogrammierung über PC-Windows-Software, die von der Inbetriebnahme über die Fehlerbehebung bis zur Wartung eine effiziente Handhabung gewährleistet. Mit der ABB Open-Control-Philosophie wird die Möglichkeit der freien Einbindung des Reglers in integrierte Automationssysteme realisiert.
n Bei diesem Ansatz fallen umfangreiche Sensordaten an. Wie werden diese zusammengeführt?
Heinrich: Für das Aufnehmen und Verarbeiten der Signale setzt ABB den dezentralen und kompakten ‚SPS Advant Controller 31‘ ein. Diese Hardware bietet diverse Controller in verschiedenen Leistungsklassen und I/O-Module für den Anschluss der Sensorik am Motor. Die Baugruppen werden direkt am Motor montiert. Die Vernetzung der Module untereinander wird mittels eines modernen High-Speed-Feldbussystems realisiert, um den schnellen Datenaustausch und das prompte Reagieren des Systems zu gewährleisten. Ein schneller und zuverlässiger Datenaustausch der einzelnen AtE-Controller, z.B Cylmate und Dego, untereinander sowie mit der Schiffsautomation wird über den ‚Modbus RTU‘ gewährleistet. Dieser solide Twisted-pair-Bus, der auch redundant ausgelegt werden kann, findet im Schiffbau zur Vernetzung von Sub-Systemen (siehe Abb. 1: Automation Network) weite Verbreitung. Zur Anbindung an höhere Ebenen (siehe Abb. 1: Ship Network) und zur Unterstützung von IndustrialIT-Lösungen steht ein Ethernet/TCP-IP-Server zur Verfügung.
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