Um die Feldbusdiskussion ist es ruhiger geworden.Ob dies mit einer zurückgehenden Bedeutung der Feldbusse oder mit dem Hype um Ethernet in der Automatisierung in Verbindung gebracht werden darf und welche Position dabei der Feldbus Interbus einnimmt, darüber gibt Martin Müller, Leiter des Produktbereichs Automatisierung bei Phoenix Contact, im Interview mit dem A&D NEWSLETTER Auskunft. Zudem zeigt er auf, in welche Richtung die Entwicklung des Interbussystems vorangetrieben werden soll und stellt Neuigkeiten vor, die auf der Hannover Messe erstmals präsentiert werden.
Werden Sie die Gelegenheit Hannover Messe nutzen können, um neue Interbus- Produkte vorzustellen?
Müller: Auf der Hannover Messe werden wir die nächste Generation unserer Systemanschaltungen präsentieren, die einige neue Funktionen bereitstellen. Zu den neuen Merkmalen gehört das funktionsorien tierte Schalten von Bereichen einer Interbus-Anwendung, eine Funktion, die immer wieder von Kunden benötigt wird. Ein Beispiel aus der Automobilindustrie zeigt, was dieses Feature ermöglicht:Wenn fahrerlose mit Interbus-Modulen ausgestattete Transportsysteme an einer Bearbeitungsstation andocken und anschließend weiterfahren, unterscheiden sich unter Umständen die Transportsysteme in Hinblick auf ihre Interbus- Konfiguration, je nachdem ob z.B. ein Vierzylinder- oder ein Sechszylinder-Motor bearbeitet werden soll. Aufbauend auf bereits realisierte Funktionen haben wir den Funktionsumfang erweitert, so dass jetzt rückwirkungsfrei angedockt werden kann. Weiterhin unterstützen wir jetzt durchgängig eine Datenübertragungsrate von 2 Mbit/s wie sie bereits heute im Bereich von Rohbauanwendungen mit unseren ‚Rugged Line‘-Modulen genutzt werden. Dies entspricht einer Steigerung um den Faktor vier in der Übertragungsgeschwindigkeit. Das System ist bereits erfolgreich bei BMW installiert und erprobt worden und wird beispielsweise bei der Produktion der 7er-Reihe verwendet. Nicht nur die Rugged-Line-Komponenten unterstützen 2 MBit, sondern unser komplettes Inline-Programm ist auf jetzt auf 2 Mbit/s umgestellt worden.
Wie weit ist die Zertifizierung von Interbus Safety vorangeschritten?
Müller: Die Zertifizierung ist im Moment ‚das‘ Thema. Unsere Entwicklungsabteilung hat Prototypen fertiggestellt, die jetzt Konsolidurch den Zertifizierungsprozess laufen.Dies geht nicht ohne Diskussionen mit den Zertifizierungsstellen, da es sich dabei auch für die abnehmenden Institutionen um neue Konzepte handelt und sie daher kaum auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen können. Deutlich spürbar ist aber auch dort, dass großes Interesse besteht, das Verfahren voranzutreiben. Wir rechnen damit, dass wir Mitte des Jahres in erste Pilotanwendungen gehen können. Aussagen über den genauen Zeitpunkt lassen sich derzeit nicht machen.
Es wird immer wieder die Befürchtung laut, dass Interbus Bedeutung und Marktanteile verlieren würde.Wie beurteilen Sie die Situation?
Müller: Diese Diskussionen bezüglich zurückgehender Aktivitäten oder Marktanteile werden immer wieder geführt. Dazu ist deutlich zu sagen: Siemens hat eine dominierende Stellung und insofern bietet der Markt von Siemens und somit auch Profibus ein Potential, das für viele Firmen entsprechend attraktiv ist.Vor dieser Tatsache können wir die Augen nicht verschließen. Aber die aktuellen Zahlen belegen, dass Interbus nach wie vor hohe Akzeptanz besitzt: Gemittelt über die Jahre 2000 und 2001, stieg die Zahl der abgesetzten Interbus-Chips um über 50%! Im Jahr 2000 lag die Zahl sogar deutlich höher, aber bedingt durch die damalige Bauteilesituation haben sicherlich viele mehr Chips gekauft als benötigt und daher 2001 die Bestellungen etwas zurückgeschraubt. Auf der Anbieterseite und im Bereich der Produkte haben wir allerdings in den letzten Jahren eine Veränderung bzw. Konsolidierung beobachtet: Während es vor 6 bis 8 Jahren sehr viele Unternehmen gab, die Produkte mit Interbus-Schnittstelle anboten, hat sich dies in den letzten Jahren konsolidiert. Im Bereich Bedienen und Beobachten zum Beispiel konnten sich nicht alle Hersteller, die ursprünglich Interbus- Produkte entwickelt hatten, durchsetzen, sondern mussten dieses Geschäft im Laufe der letzten Jahre an die abgeben, die sich hier etabliert und mit innovativen Konzepten durchgesetzt haben. Eine ähnliche Situation ist in anderen Produktsegmenten eingetreten.
Wie haben sich die Mitgliedszahlen der Interbus- Clubs in dieser Zeit entwickelt?
Müller: Die Mitgliederzahl im Interbus Club Deutschland stagniert eher.Dies spiegelt auch die Konsolidierung auf der Anbieterseite wider. International verzeichnen wir dagegen Zuwächse: Der vor einigen Monaten gegründete Club in Korea hat bereits 12 Mitglieder. Märkte, in denen Interbus noch ein neues Thema darstellt, zeigt wachsendes Interesse an dieser Technologie. Die IEC-Normung hat dazu beigetragen, dass das Thema Feldbusse deutlich ruhiger angegangen wird - eine Entwicklung, die wir sehr begrüßen.
Bedeutet Ihr Engagement in der IAONA, dass Sie hier die Zukunft sehen?
Müller: Lassen Sie mich zur Beantwortung dieser Frage etwas ausholen: Bereits 1997 haben wir damit angefangen, intensiv über die Zukunft der Automatisierung unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationsbelange in der Automatisierung nachgedacht. Begleitet wurden diese Überlegungen von einem umfangreichem Programm zur Evaluierung verschiedener Technologien, wobei als Vergleichsgröße Interbus diente. Ein klar erkennbarer Trend war, dass die Internet-Technologien in der Automatisierungswelt Einzug halten würden. Eine weitere absehbare Entwicklung war der Trend zur verteilten Automatisierung. Aus unserer Warte stellte sich eine Kombination aus Feldbus - wegen der erreichbaren Nettodatenrate - und Ethernet - wegen der Internettechnologien - als die vielversprechendste Variante heraus. Seitdem arbeiten wir daran, beide Busse so eng zu ‚verheiraten‘, dass für den Anwender ein eventuell erforderlicher Wechsel zwischen den Medien nicht sichtbar ist. Letztes Jahr konnten wir dann die ‚ Produktlinie ‚Factory Line‘ vorstellen, eine Familie von ethernet-basierten Infrastrukturkomponenten für die Industrie. Die positive Entwicklung der Verkaufzahlen im In- und Ausland hat gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind - auch wenn bei vielen Kunden derzeit noch ein Umdenkungsprozess stattfindet oder stattfinden muss. Auch wir müssen uns auf Veränderungen einstellen: Wir sprechen in den Unternehmen nicht mehr nur mit dem Elektroplaner, sondern auch mit der IT-Abteilung.Wir rechnen damit, dass sich bei vielen Kunden der Elektroplaner vermehrt mit der IT-Abteilung auseinander setzen muss und dabei an Einfluss gewinnen wird.
Die Integration einer Ethernetschnittstelle ist wegen des vergleichsweise hohen Chippreises teurer als die Integration eines Feldbusknotens. Werden daher Feldbusse, die das TCP/IPProtokoll unterstützen, eine umfassende Verbreitung des Ethernet verhindern?
Müller: Also das Wort verhindern trifft hier die Situation nicht. Ursprünglich war Interbus als Sensor-Aktorbus konzipiert, als ein Bus also, der nur E/A-Signale möglichst schnell und komfortabel transportieren sollte. Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Funktionalitäten in das System eingebaut. Wir sind so weit gegangen, TCP/IP über Interbus zu tunneln.Der Einzug von Ethernet in die Automatisierung gibt uns jetzt die Chance, die Feldbusse wieder auf ihre eigentlichen Stärken zurück zu führen. Wo die Trennlinie zwischen Feldbus und Ethernet verlaufen wird, hängt jedenfalls stark von der Applikation und deren Kommunikationsanforderungen ab.
Interbus ist besonders erfolgreich in Automotive-Applikationen. Wird der Bus im Rahmen der geschilderten Entwicklungen in neuen Bereichen Anwendung finden?
Müller: Sicher ist richtig, dass die Automobilindustrie für uns ein ganz wichtiger Kundenkreis ist, dem wir etwa 40% unseres Gesamtumsatzes verdanken. Die verbleibenden 60% entfallen aber auf Applikationen in anderen Bereichen. Wichtige Anwendungsbereiche sind für uns heute z.B. die Verpackungs- und Kunststoffindustrie oder Windenergieanlagen . Die Verfügbarkeit von Ethernet in der Automatisierungstechnik wird sicherlich in Verbindung mit Interbus neue Anwendungsfelder erschließen. Dies wird aber noch einige Zeit dauern.Gerade in kleineren Maschinen wird Ethernet in der nächsten Zeit noch keine große Rolle spielen, da hier sehr auf die Kosten geachtet wird und die klassische Feldbusverdrahtung wesentlich billiger ist. Die Flexibilität und Funktionalität, die Ethernet bietet, ist dort derzeit noch nicht so gefragt.
In welche Richtung wollen Sie die Entwicklung vorantreiben?
Müller: Auf der Kommunikationsseite arbeiten wir an der Integration von Ethernet und Interbus.Weitere Punkte, die wir in Zusammenhang mit Ethernet lösen müssen, bleiben die Echtzeitfähigkeit, die Realisierung eines sicheren Busses, die Reduzierung der Anschaltkosten und die Weiterentwicklung entsprechender Steckertechnik. Ein weiteres sehr wichtiges Thema ist die verteilte Automatisierung, wobei wir nicht nur die Aktivitäten der IDA aktiv mitgestalten, sondern auch bei Phoenix Contact das Konzept mit eigenen Komponenten umsetzen. Damit diese Komponenten sinnvoll eingesetzt werden können, entwickeln wir derzeit ein Engineering-Werkzeug, dass nicht mehr geräteorientiert, sondern funktionsorientiert arbeitet. Auf der Hannover Messe werden wir eine erste Studie dazu vorstellen, erste kommerzielle Produkte erwarten wir für das kommende Jahr. |
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