Das Geschäftsgebiet Motion Control Systems des Siemens-Bereichs Automation & Drives setzt beim Ausbau seiner Marktposition auf Innovation und Kundenorientierung. Neben der Erweiterung des Komponenten-Portfolios in Richtung Mechatronik soll eine vom Kunden nutzbare Infrastruktur und darauf aufbauende ‚E-Dienste‘ zum weiteren Wachstum des Geschäfts beitragen.
Welche Wachstumsraten erwarten Sie im Werkzeugmaschinenbau im laufenden Geschäftsjahr?
Martin: Das Geschäftsgebiet Motion Control Sytems hat im Geschäftsjahr 99/00 einen Umsatz von rund 1,45 Mrd. Euro erzielt, was einem Zuwachs von 13% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die mittlere Wachstumsrate des Marktes für die elektrische Ausrüstung von Werkzeugmaschinen beträgt dagegen nur 3%. Auch im laufenden Geschäftsjahr wollen wir deutlich schneller wachsen als der Markt. Allerdings lässt sich die weitere Marktentwicklung in diesem Geschäftsjahr nicht in Zahlen prognostizieren, da der weitere Verlauf von vielen Einflussfaktoren, insbesondere vom Konjunkturzyklus überlagert wird. Durch das außergewöhnlich gute letzte Jahr waren die Auftragsbücher der Werkzeugmaschinenbauer zu Jahresbeginn noch gut gefüllt, sodass die Produktion über das ganze Jahr gesehen noch kräftig zunehmen wird. Der VDW rechnet sogar noch mit einer Zunahme des Auftragseingangs. Auch wenn man noch keine Zahlen nennen kann, möchte ich denjenigen eindeutig widersprechen, die eine Rezession herbei reden möchten. Wir sehen zwar einen Rückgang des Marktvolumens in Asien und Amerika, aber in Europa wird sich der Konjunkturabschwung nach unserer Ansicht nur verhalten bemerkbar machen.
Welche Position nimmt Siemens weltweit ein?
Martin: Der Weltmarkt für Werkzeugmaschinen-Ausrüstungen hat nach unserer Einschätzung ein Volumen von rund 4,3 Mrd. Euro. Rund 46% des Marktes entfallen auf Westeuropa, rund 10% auf Amerika und ca. 44% auf den pazifischen Raum. Wir konnten im vergangenen Jahr unseren Marktanteil weltweit auf ca. 23 Prozent steigern und damit den Abstand zum Marktführer deutlich verringern - bei gleichzeitiger Verbesserung unserer Position in allen relevanten Märkten. In Europa sind wir klarer Marktführer, weltweit liegen wir knapp hinter dem Marktführer an zweiter Position; ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Wie wollen Sie sicherstellen, dass Ihr Bereich schneller wächst als der Markt? Martin: Unser Erfolg basiert auf innovativen Produkten, Systemen, Lösungen und Dienstleistungen, die es dem Kunden ermöglichen, die Produktivität zu steigern. Ergänzt wird diese am Kundennutzen ausgerichtete Produktpolitik durch eine auf den Weltmarkt zielende Geschäftspolitik. Natürlich ist es nicht ganz leicht, von einer bereits so starken Marktposition aus weiter zu wachsen und zusätzliche Marktanteile zu gewinnen. Unser Ansatz ist es, die Partnerschaft zwischen uns als kompetentem Systemanbieter und unseren Kunden auszubauen.
Welche Maßnahmen sollen diesen Ansatz unterstützen?
Martin: Als einen wesentlichen Schritt in diese Richtung sehe ich in die Erweiterung des Portfolios. Dazu gehören mechatronische Komponenten wie motorintegrierte Spindeln oder Torque-Motoren. Zur Verbreiterung unseres Angebots stärken wir uns durch Zukäufe, wo wir selbst nicht schnell genug unsere Ziele umsetzen können. Denn Tempo ist eine weitere wesentliche Bedingung für den Erfolg. Ein Beispiel für diese Akquisitionspolitik ist die Übernahme des Schweinfurter Spezialisten für Motorspindeln Weiss Mitte des Jahres. Hintergrund dieser Akquisition ist ein technologischer Wandel bei Werkzeugmaschinenantrieben: Hauptspindelantriebe, bei denen die Spindel indirekt durch einen Zahnriemen angetrieben wird, werden mehr und mehr durch Motorspindeln ersetzt. An diesem Markt mit prognostizierten Zuwachsraten von 12% können wir als Systemanbieter jetzt partizipieren.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Erschließung neuer Geschäftspotenziale auf den Gebieten E-Business und Mechatronik-Dienstleistungen. Dies sind Märkte, die gerade erst entstehen, aber überproportional wachsen werden. Eine Quantifizierung des Marktes kann nicht vorgenommen werden, das beweist die gegenwärtige Entwicklung dieses Segments. Aber die Grundaussage ist ganz klar: Es wird im Dienstleistungssektor im Vergleich zu den konventionellen Anteilen überdurchschnittliches Wachstum geben.
Müssen Sie im Sinne des Share-holder-Value verstärkt in Märkte gehen, die mehr versprechen als der Werkzeugmaschinenmarkt mit seinen vergleichsweise moderaten Wachstumszahlen?
Martin: Einerseits sehen wir für uns auch bei den Werkzeugmaschinen trotz des zyklischen Charakters dieses Marktes noch interessante Wachstumsmöglichkeiten. Andererseits werden wir unser Engagement bei den Produktionsmaschinen noch massiv vorantreiben, weil wir hier entscheidende Synergien zwischen den Werkzeug- und den Produktionsmaschinen sehen und nutzen wollen: So gibt es Technologietrends, die sich im Bereich der Werkzeugmaschinen bereits etabliert haben, wie das Zusammenwachsen von Elektronik und der Mechanik, die sich jetzt auch verstärkt auf dem Gebiet der Produktionsmaschinen durchsetzen. Ein Beispiel ist die traditionell mechanische Königswelle, die vermehrt durch elektronisch gesteuerte Einzelantriebe ersetzt wird. Dieser Technologiewandel ist hauptsächliche Ursache für die hohen Wachstumsraten im Bereich der Produktionsmaschinen; ein attraktives Marktsegment, das wir konsequent ausbauen.
Sie wollen Marktanteile durch Dynamik und nicht ausschließlich über eine Erhöhung der Stückzahlen generieren, im Sinne von schneller handeln. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Dynamik?
Martin: Unter Dynamik verstehe ich hier zum Einen, dass wir z.B. Produkte, die wir generisch nicht in ausreichend kurzen Zeiträumen entwickeln können, durch den Zukauf von Unternehmen unserem Portfolio hinzufügen. Zum Anderen ist darunter aber auch eine fast mittelständisch geprägte Arbeitsweise mit kurzen Reaktionszeiten zu verstehen, die aber dem Kunden die Vorzüge eines Großunternehmens bietet. Diese Flexibilität haben wir durch eine entsprechende Organisationsstruktur erreicht, die unter anderem darauf basiert, dass wir akquirierte Unternehmen als eigene Gesellschaften mit eigener Identität weiterführen. Diese Strategie verfolgen wir seit mehreren Jahren erfolgreich und halten auch in Zukunft daran fest.
Was werden Sie Ihren Kunden als E-Business-Dienstleistungen anbieten?
Martin: Unter dem Projektnamen ePS (Electronic Production Services) haben wir eine neue Geschäftsidee realisiert. Dazu haben wir ein Online-Dienstleistungsunternehmen aufgebaut und vertreiben damit Automatisierungs-Dienstleistungen für Endanwender, Maschinen- und Automatisierungshersteller sowie Spezialdienstleister. Die Grundidee ist, die über die CNC oder SPS verfügbaren Daten von Maschinen und Prozessen zur Verbesserung der Produktivität zu nutzen und diese Dienste automatisiert über das Internet unseren Kunden anzubieten. Dazu werden wir die CNC/SPS-Maschinenausrüstungen über Internet an unsere ePS-Server ankoppeln. Über das Netz erfassen wir dann Daten aus dem Produktionsprozess, verdichten, analysieren und bewerten sie und stellen die daraus gewonnenen Ergebnisse bezüglich Maschinenzustand und Prozessstabilität unserem Kunden wieder zur Verfügung, der wiederum seinem Kunden, der die Werkzeugmaschinen einsetzt, darauf aufbauende Services anbieten kann. Der Endkunde - also der Maschinennutzer - profitiert von diesen Dienstleistungen, die darauf ausgerichtet sind, die maximale Verfügbarkeit der Produktionsmittel und deren optimale Nutzung zu gewährleisten, die Lebensdauer der Anlagen zu erhöhen und bei einer maximalen Produktqualität die Betriebskosten zu minimieren. Gleichzeitig können wir über ePS die unternehmensinternen MES- und ERP-Systeme mit Daten versorgen.
In welcher Form stellen Sie diese Dienstleistung bereit?
Martin: Unseren Kunden im Bereich der Maschinenhersteller werden wir eine neue E-Business-Infrastruktur anbieten und ihnen zum ersten Mal die Möglichkeit geben, die Maschinen ihrer Kunden bedeutend einfacher und intelligenter zu warten. Darüber hinaus können sie auch eigene, zusätzliche Dienstleistungen unter Einbeziehung der ePS-Plattform anbieten. Damit profitieren die Anwender und erhalten Zugang zu einem Spektrum verschiedener Dienstleistungen, die die Maschinenhersteller und Siemens anbieten. Kunden der neuen ePS-Dienstleistungen können über ihre Maschinensteuerung oder via PC aus einer Bibliothek von E-Diensten und -Funktionen auswählen und diese online aktivieren. Der ausgewählte E-Dienst ist dann sofort verfügbar. Diese E-Dienste unterteilen wir in die Kategorien ‚Machine Services‘, ‚Machine Performance‘, ‚Workpiece Related Services‘ und ‚Data Management‘.
Ist diese Vision bereits vollständig realisiert?
Martin: ePS ist der erste Schritt zur Umsetzung. Die Zielsetzung des Vorhabens ist so umfassend, dass wir dies nur schrittweise umsetzen können. Wir sehen hier noch jede Menge zukünftiges Potenzial. Letztlich können wir die nächsten Schritte nur zusammen mit unseren Anwendern ausloten und entwickeln. Ich möchte es mal so formulieren: es ist technisch sehr vieles möglich, gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass es sich dabei häufig um die Nutzung von höchst sensiblen Daten handelt, die plötzlich außerhalb der Maschine oder des Prozesses sichtbar werden. Hier müssen noch viele Fragen geklärt werden.
Eine Roadmap können Sie im Moment nicht aufzeigen?
Martin: Wir haben natürlich Vorstellungen, wie es weitergeht. Bevor wir allerdings die nächsten Schritte einleiten und der Öffentlichkeit vorstellen, wollen wir aber erst die Rückmeldungen unserer Anwender abwarten. (JR)
Der Moton-Control-Markt in Zahlen (Quelle: Siemens AG) |
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