Microsoft stellt den Nachfolger von Windows CE, das Echtzeitbetriebssystem mit dem Codenamen ‚Talisker‘, in der Betaversion 2 vor. Von den Weiterentwicklungen profitieren nach Vorstellungen des Unternehmens auch die Entwickler von Automatisierungstechnik. Kim Akers schildert im Interview, um welche Features die Software und die Entwicklungsumgebung erweitert wurden und welche Bedeutung diese für industrielle Anwendungen haben.
In welchen Bereichen haben Ihre Ingenieure Talisker weiterentwickelt?
Akers: In den letzten 12 Monaten hat unser Entwicklungsteam den Fokus auf vier Bereiche gesetzt: Verbesserungen, die die Mobilität der Zielgeräte, die Zuverlässigkeit des Betriebs, den Umfang der Multimediafähigkeiten und die Vollständigkeit des Toolsets betreffen.
Welche Verbesserungen bietet die neue Release?
Akers: Talisker Beta 1 unterstützte bereits Bluetooth, UPnP, Remote ‚Access Client and Server‘, OBEX und ‚Media Sense‘, dazugekommen ist 802.1x/Zero Configuration‘. Diese Funktion ermöglicht die automatische Konfiguration der Netzwerk- Treiber und -Karten, wenn z.B. ein mobiles Gerät in einem Gebäude mit mehreren drahtlosen Netzwerken von einem in das nächste Netzwerk getragen wird. Mit der Beta-2-Release ist jetzt zudem Echtzeit-Kommunikation möglich, damit ist nicht nur Text-over-IP, sondern auch Voice-over-IP realisierbar. Zusätzlich haben die Entwickler einige Fortschritte rund um den NDIS-Layer erzielt, dem Layer, der zwischen dem Netzwerkkartentreiber und dem Betriebssystem liegt. Dadurch können Anwender die Power-Management- Funktionen der 802.11- Netzwerkkarten nutzen. Der NDIS-Layer kann jetzt dem Kartentreiber mitteilen, ob das Gerät am Netz hängt oder von einer Batterie gespeist wird, und die Karte dann in den gewünschten Power-Level versetzen. Ein weitere wichtige Verbesserung betrifft Übertragungsabbrüche. Der Anwender kann damit während des Sendens eines Informationspakets die Sendung abbrechen oder die Anwendung kann bei einer Verbindungsunterbrechung den Prozess sauber beenden und so den Absturz des Geräts vermeiden.
Was bietet die Release im Bereich der Zuverlässigkeit/ Sicherheit Neues?
Akers: Die Unterstützung von SLL und Kerberos wurde jetzt um das Konzept der ‚trusted applications‘ erweitert, also der Möglichkeit, eine Anwendung als sicher zu kennzeichnen und ihr damit einen tieferen Eingriff in den Kernel zu erlauben. Neu sind auch die ‚Lightweight Threads/Fibers‘, die die Leistung der Anwendungen erhöhen und gleichzeitig deren Speicherbedarf reduzieren. In Hinblick auf die Sicherheitsfunktion haben wir zudem die Unterstützung auch auf Smart Cards ausgedehnt und einige APIs hinzugefügt, die das Verschlüsseln der Daten beim Speichern erlauben. Neben den bereits in der Beta-1-Release integrierten Treibern für z.B. DVDs wurden die Architekturen der Audiotreiber wie auch des Heap- Managers überarbeitet.
Welche Multimediafunktionalitäten sind hinzugefügt worden?
Akers: Mit Beta 2 steht jetzt DirectX-Unterstützung zur Verfügung, einschließlich DirectX8, dem Windows Media Player 8 und dem ‚Digital Rights‘-Management. Neu auch die Unterstützung des Internet Browsers 5.5. Die Sprachunterstützung wurde um Chinesisch und Koreanisch erweitert und für diese umfangreichen Zeichensätze wurden Kompressionstechnologien eingeführt. Die Fonts können jetzt auch in Flash-Speicher abgelegt werden, was sich in kostensensitiven Anwendungen vorteilhaft auswirkt, da damit teurer Festplattenspeicher überflüssig wird. Zum Lesen von digitalen Büchern wurde ‚Clear Type‘-Support hinzugefügt.
Welche Fortschritte konnten Ihre Entwickler im Bereich der Werkzeuge erzielen?
Akers: Eine der Neuerungen ist der ‚Platform Wizard‘, der den Entwickler bei der problemlosen und schnellen Anpassung des Betriebssystems an unterschiedliche Gerätetypen unterstützen soll. Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für den Ingenieur ist der jetzt verfügbare Emulator. Dieser ermöglicht den Test des Betriebssystems im Zusammenspiel mit einer Anwendung auf dem Entwicklungs- PC - das Zielsystem oder andere Hardware ist dafür nicht erforderlich.
Welche dieser neuen Features hat aus Ihrer Sicht besondere Bedeutung für den Entwickler industrieller Anwendungen?
Akers: Wie die Verbesserungen, die Talisker Beta 2 bringt, zu bewerten sind, hängt ganz wesentlich davon ab, was unter industriellen Applikationen verstanden wird. Ich denke, gerade die Verbesserung der Robustheit und Sicherheit bringt für alle Entwickler industrieller Anwendungen einige Vorteile. Aber auch Funktionen, die einen mobilen Einsatz der Geräte ermöglichen oder vereinfachen, gewinnen für diesen Anwenderkreis an Gewicht. Industrielle Anwendungen, die tendenziell immer häufiger an einem Back- End-System hängen und damit einhergehend auf eine gemeinsame Datenquelle zugreifen, profitieren von den Talisker- Features. Die Browser- und Multimediafunktionen schließlich erlauben die Realisierung von multimedia- und internetfähigen HMI-Panels, wie sie auch im industriellen Umfeld immer häufiger zu sehen sind. Ich denke daher, dass ein guter Anteil der Talisker-Funktionen für diese Anwendungsklasse interessant ist. Und nicht zuletzt: Von jeder Erweiterung des Toolsets profitieren alle Anwender, unabhängig von der Art der entwickelten Anwendung.
Inwieweit erhalten Kunden Zugriff auf den Code?
Akers: Es gibt seit CE 3.0 für unsere Kunden die Möglichkeit, für Debugging und Test-Aufgaben Zugang zum Quellcode zu erhalten. Seit einigen Monaten haben wir die Gruppe derer, die Zugriff auf den Quellcode erhalten können, ausgedehnt und den Prozess flexibler gestaltet. Damit erhalten Anwender nicht nur den Zugriff auf den Code, um Debugging und Test-Aufgaben durchführen zu können, sondern sie können seit der Ankündigung auch den Code für ihre Zwecke anpassen und dann weitervertreiben, solange es nicht kommerziell genutzt wird - interessant insbesondere für den akademischen Bereich.
Wie lässt sich Talisker mit einigen Sätzen charakterisieren?
Akers: Talisker ist für Geräte gedacht, die klein und mobil sind und als Thin-Clients in einer Umgebung arbeiten sollen, die von vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten geprägt ist; z.B. eine Umgebung, in der das Gerät mit einem Back-End- System oder dem Internet kommunizieren soll. Das Echtzeit- Betriebssystem unterstützt 32- und 64-Bit-Prozessoren, hat einen minimalen Footprint von 200 K - ein Wert, der etwas unter dem von Windows CE 3.0 liegt. Die Software und die Entwicklungsumgebung bieten auch für den Entwickler industrieller Anwendungen, die hohe Anforderungen an die Konnektivität und an eine grafische Benutzeroberfläche des Zielgeräts stellen, interessante und umfassende Features. An eine Unterstützung von nur in der Automatisierungswelt üblichen Standards, wie z.B. den der Feldbusse, ist allerdings auch weiterhin nicht gedacht. (jr) |
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