Erschienen im A&D NEWSLETTER 6/2000, S. 57
Der deutsche Hersteller von Industriecomputern richtet sich neu aus. Im Gespräch mit dem A&D NEWSLETTERs gibt der neuen Vertriebsleiter der ROI Computer AG, Dipl.-Ing Jürgen Grabow, Auskunft über den Markt für IPCs und die Zielsetzung der Neuausrichtung.
A&D NL: Wie beurteilt ROI den Markt für IPCs?
Der stark steigende Werteanteil von Elektrik, Elektronik und Software in der Fabrikautomation erhöht auch die Nachfrage nach leistungsfähigen und innovativen Industrie-Computer-Systemen (IPCs). Nach einer ARC-Studie aus dem Jahre 1999 wird der weltweite Absatz von IPCs von 649,5 Mio. US$ in 1998 auf ca. 1.076,7 Mio. US$ im Jahr 2003 ansteigen. Berücksichtigt man, dass bei Standard-IPCs die Preise gesunken sind und weiter sinken, dann liegt das Marktwachstum (Stückzahlen) bei über 15% p.a. ROI profitiert überproportional vom Marktwachstum, da die Nachfrage steigt und die kundenspezifischen IPCs keinem so starken Preiswettbewerb ausgesetzt sind. Betrachtet man die regionale Verteilung, so liegt Nordamerika mit 50,9% an der Spitze, gefolgt von Europa mit 35,5%, Asien mit 5,9%, Japan mit 5,6% und Südamerika mit 2,1%. Der deutsche Markt macht ca. 30 bis 40% des europäischen Marktes aus und wächst nicht linear sondern exponentiell, so dass wir mit einer durchschnittlichen Steigerungsrate von 45 bis 50% p.a. rechnen. Zu den Keyplayern im weltweiten Markt gehören sicher Unternehmen wie Siemens A&D und die Firma Advantech. Allerdings muss man hier differenzieren nach Standard-IPCs und kundenspezifischen Lösungen, denn die meisten Großen in diesem Geschäft verdienen ihr Geld mit Standard-IPCs aus dem Katalog. In Deutschland gibt es etwa eine Handvoll Wettbewerber, die kundenspezifische Lösungen am Markt anbieten.
A&D NL: Welche Branchen sind die größten Abnehmer?
Hier ist in erster Linie der Maschinen- und Anlagenbau zu nennen, nach wie vor eine der Schlüsselindustrien der deutschen Wirtschaft. Aufgrund des dort stattfindenden technischen Generationswechsels in der Steuerungstechnik, von der reinen NC- oder SPS-gesteuerten Maschine hin zur Industriecomputersteuerung, wächst der Markt bei komplexen Maschinen und Anlagen überproportional. Dieser Wandel wird auch durch die immer stärker steigenden Anforderungen an Maschinenvernetzungen und die sprunghaft steigenden Datenmengen zur Prozessüberwachung und -visualisierung beschleunigt. Typische Anwendungen finden sich im gesamten Mess-, Steuer- und Regelungsbereich, sei es als reine Maschinensteuerung, als Visualisierungstool oder als Multimediasystem mit Realtime-Fehleranalyse. Auch in medizintechnischen Anwendungen, wie beispielsweise lasergesteuerten Operationsgeräten, werden Industriecomputer immer häufiger eingesetzt. Hier spielt die hohe Zuverlässigkeit der industrietauglichen Rechner eine besonders wichtige Rolle.
A&D NL: Es gibt zahlreiche Anbieter von IPCs. Profitiert der Kunde davon oder steht er vor einem nicht überschaubaren Angebot?
Wenn der Kunde seine Anforderungen an den einzusetzenden IPC genau analysiert und diese mit denen der Kataloganbieter vergleicht, lichtet sich das unüberschaubare Angebot sehr schnell. Denn viele Standardlösungen, die am Markt angeboten werden, entpuppen sich dann als nicht einsetzbar oder werden den wirklich harten Industrieanforderungen nicht gerecht. Sehr schnell kommt der Kunde dann zu kundenspezifischen Lösungen und hier ist die Zahl der Anbieter eher überschaubar. ROI konzentriert sich als hochspezialisierter Engineering-Partner auf kundenspezifische ‚Embedded Industrial Computer Systems‘ (EICS).
A&D NL: Was macht einen ‚echten IPC‘ aus? Welche Kriterien muss der Kunde bei der Selektion des für seine Applikation passenden IPCs beachten?
Nicht überall, wo IPC drauf steht, ist auch ein echter industrietauglicher Rechner drin. Auf den ersten Blick kann man sich also nicht verlassen, doch es gibt ganz klare Kriterien, die, wie sollte es anders sein, auch in einer Norm festgeschrieben sind. Die DIN IEC 1131-2 spezifiziert für industrietaugliche Rechner besondere Umweltanforderungen wie erhöhte Temperaturfestigkeit, erhöhter Vibrationsschutz, erhöhte Schockfestigkeit und erhöhter EMV-Schutz sowie Staubresistenz und Feuchteschutz. Dabei muss vor allem auch das CPU-Board, die Kernkomponente des Rechners, industrietauglich sein. Das fängt an bei verriegelbaren Steckkontakten und endet noch lange nicht beim Einsatz vibrations- und schockfester SMD-Bauteile. Letztendlich muss beim gesamten System auf eine industriegerechte Verarbeitung geachtet werden, damit die genannten Kriterien erfüllt werden.
A&D NL: Welches Ziel verfolgt ROI bei der Neuausrichtung des Unternehmens?
ROI konzentriert sich auf seine Kernkompetenzen und positioniert sich als hochspezialisierter Engineering-Partner für kundenspezifische EICS-Systeme im B2B-Bereich. Das bedeutet für unsere Kunden, dass wir u.a. Qualitätsschwankungen der derzeit stark unter Druck stehenden Bauteilelieferanten auffangen und durch unsere Innovationsstärke einen wirklich harten Industriestandard realisieren. Unser Engineering Know-How ist dabei entscheidend für den Kunden, denn dieses ermöglicht ihm überhaupt erst eine ‚Make-Or-Buy‘-Entscheidung. Beim Kunden zählt die Tatsache, dass wir von der Gehäusekonstruktion über die eigene CPU-Entwicklung und -Fertigung bis hin zu den kundenspezifischen Funktionstests und zulassungsrelevanten Prüfungen alle systemrelevanten Komponenten aus einer Hand liefern. Durch die Übernahme der vollen Systemverantwortung für das EICS schaffen wir darüber hinaus eine klassische Win-Win-Situation für beide Partner. Der Kunde kann seine Entwicklungskapazitäten auf die spezifischen Maschinen und Anlagenteile konzentrieren und erreicht so einen Zeit- und Technologievorsprung in seinem Kerngeschäft. Außerdem sind die angelieferten EICS als Plug&Play-Komponenten sofort funktionsfähig und einsetzbar. Dadurch werden beim Kunden erhebliche Kostenvorteile realisiert, denn die Anwendung unseres QM-Systems und kundenspezifischer Systemtests machen eine Wareneingangsprüfung beim Kunden ganz oder teilweise überflüssig. Und zu guter Letzt kann der Kunde nur durch die garantierte Langzeitverfügbarkeit der von ROI gelieferten Komponenten für seine Maschinen und Anlagen weit-reichende Produktlebenszyklen realisieren und seiner Klientel gegenüber kostengünstig anbieten.
A&D NL: ROI will sich auf die Marktnische EICS konzentrieren. An welche Anwendungen/Branchen richtet sich ROI mit diesen Produkten?
Besonders wichtig ist bei EICS der Systembegriff. Hierdurch erfolgt eine klare Abgrenzung zum reinen Boardhersteller oder -lieferanten. Auch hebt sich die ROI klar von reinen Gehäuseherstellern und Firmen, die nur Computerkomponenten assemblieren ab. Wir liefern Industriecomputer-Systeme, womit dokumentiert ist, dass wir uns als Engineering-Partner unserer Kunden verstehen. Zusammen mit unseren Kunden realisieren wir eine technisch und konstruktiv auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Embedded-Industriecomputer-Lösung. Das beinhaltet natürlich die Übernahme der vollen Systemverantwortung für die gelieferten EICS. Mit unseren EICS konzentrieren wir uns innerhalb des Maschinen- und Anlagenbaus auf Verpackungsmaschinen, Werkzeugmaschinen, Gummi- und Kunststoffmaschinen, Textilmaschinen, Metallbearbeitungsmaschinen und den Bereich Automation und Robotik. Durch den bereits erwähnten Technologiewechsel, der nicht abrupt, sondern sukzessive über Zwischenlösungen erfolgt, ergeben sich hier die unterschiedlichsten Anwendungen. Im ersten Ansatz erfolgt meistens eine Kombination aus SPS, die weiterhin die direkten Maschinensignale abgreift und steuerungstechnisch verarbeitet, und einem in der Maschine oder Anlage integrierten EICS. In dieser Kombination übernimmt das EICS die Visualisierung der Prozesse, dient als Bediener-Interface und wird teilweise auch als Plattform für die SPS-Programmierung genutzt. Ein anderer Ansatz beinhaltet die Integration eines EICS, auf dem Softwarelösungen (Soft-SPS) die SPS oder NC implementieren und teilweise noch eine SPS als zusätzliches redundantes System fungiert. In der gleichen Weise funktioniert die Kombination aus EICS mit integrierter SPS, realisiert als Einsteckkarte (Slot-SPS) im Computer. Im letzten Schritt erfolgt dann eine reine EICS-basierte Steuerung, die nur bei sicherheitstechnisch exponierten Applikationen noch redundante Systeme beinhaltet.
A&D NL: ROI entwickelt und fertigt in Deutschland. Muss sich ROI aufgrund der hohen Fertigungskosten auf das obere Preissegment konzentrieren?
An unserem Standort in Roding werden alle Boards selbst entwickelt und auf eigenen Bestückungsautomaten und Lötanlagen gefertigt. Die mechanische Gehäusefertigung wurde jetzt als eigenständiges Unternehmen unter der Führung eines ehemaligen Führungsmitglieds von ROI ausgegliedert. Dadurch erreichen wir eine Senkung der Kosten, ohne die Vorteile einer ‚eigenen‘ Fertigung, wie gleichbleibend hohe Qualität und hohe Verfügbarkeit, aufzugeben. Außerdem ist der Preis beim Kunden nicht immer das entscheidende Kaufargument. Oft viel wichtiger ist die applikationsgerechte Umsetzung der Kundenanforderungen, gepaart mit entsprechenden Qualitäts- und Serviceleistungen und einer garantierten Langzeitverfügbarkeit der Komponenten.
A&D NL: Mit welcher Vision blickt das Unternehmen in die Zukunft?
ROI ist im Marktsegment der Embedded Industrial Computer Systems Marktführer in Deutschland und strebt mittelfristig in diesem Bereich die Marktführerschaft in Europa an. Hierzu beitragen wird sicher auch eine sinnvolle Erweiterung unseres Portfolios in Richtung Software mit Soft-SPS und Visualisierung. Nach der 1999 vorgenommenen Umwandlung in eine Aktiengesellschaft haben wir auch den ersten Schritt in Richtung Börse getan. Mittelfristig soll der Wert an der Frankfurter Börse eingeführt werden, um vor allem die Position der ROI Computer AG als Engineering-Partner für kundenspezifische Embedded Industrial Computer Systems langfristig zu stärken und die internationale Ausrichtung des Unternehmens zu beschleunigen.
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