Erschienen im A&D SOFTWAREGUIDE 2001
Dr.Markus Winzenick, Technischer Referent im Fachverband Automation des ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) e.V. Fachverband AUTOMATION
Software in der industriellen Automation wird immer hochwertiger. Sie übernimmt stetig wachsende Aufgaben und gewinnt dadurch gegenüber der Hardware zunehmend Wertschöpfungsanteile in Automatisierungslösungen. Software trägt somit entscheidend zur Leistungsfähigkeit der automationstechnischen Gesamtlösung bei. Um das große Wertschöpfungspotenzial der Software für die Betreiber von Automatisierungslösungen nutzbar zu machen, muss der Hersteller erhebliche Investitionen für Erstellung und Pflege tätigen. Diese sind jedoch nur möglich, wenn der Gegenwert der heutigen Softwareprodukte vom Anwender angemessen honoriert wird. Doch wie lässt sich industrielle Software effizient vermarkten? Welchen Wert hat die Software an einer Automatisierungslösung? Und welche rechtlichen Aspekte sind bei der Vermarktung zu berücksichtigen? Dieser Fragenkomplex wurde im Rahmen der Arbeitsgruppe Software-Vermarktung im ZVEI-Fachverband Automation intensiv behandelt. Hierzu wurden praxisorientierte Lösungsvorschläge erarbeitet, die den Herstellern von Software-Produkten in der Automation helfen soll, ihre Produkte besser zu vermarkten.
Wert der Software
Bei der Behandlung des Themas zeigt sich, dass der Wert von Software an Automatisierungslösungen oftmals unterschätzt wird und nicht selten kommt es vor, dass die Software als kostenlose Beigabe zur Hardware verschenkt wird. Hierzu trägt sicherlich auch die Tatsache bei, dass Software nicht direkt wie beispielsweise ein Hardwareprodukt in die Hand genommen werden kann. Der Wert der Software erschließt sich vielmehr nur indirekt. Dagegen ist offensichtlich, dass der Wert der Software an Automationslösungen kontinuierlich steigt. Maßgeschneiderte Softwareprodukte unterstützen die Automationsanwender während der gesamten Lebensdauer einer Anlage, beginnend bei der Planung und Projektierung über die Inbetriebnahme bis hin zum After-Sales-Service. Software-Produkte helfen, Teilaufgaben zu standardisieren und redundante Arbeitsschritte zu vermeiden. Komplexe Produktionsabläufe werden überhaupt erst durch Software bedienbar und leistungsfähige Software-Diagnosewerkzeuge verkürzen nicht nur die Inbetriebnahmezeiten, sondern insbesondere auch kostenintensive Produktionsausfälle. Zudem leistet Software einen zunehmenden Beitrag zur Funktionalität einer Automatisierungslösung. Während sich die Hardwareentwicklung in den letzten Jahren immer stärker auf Standardlösungen konzentriert, verschiebt sich die Individualität einer Problemlösung in den Bereich Software, die sich ungleich leichter, schneller und somit wirtschaftlicher als die Hardware auf veränderte Bedingungen anpassen lässt. In der Konsequenz übernimmt die Software heute Funktionen, die früher der Hardware vorbehalten waren. Hierdurch wird deutlich, dass Software einen entscheidenden Anteil am Wertschöpfungspotenzial einer Automatisierungslösung besitzt. Dieser Anteil am Wertschöpfungspotenzial bestimmt letztendlich den Wert der Software und sollte bei der Vermarktung von Software berücksichtigt werden. Mit dem Wert von Datenträgern und Papierdokumentation hat dies ohne Frage nichts mehr zu tun.
Anforderungen und Eigenschaften industrieller Software-Produkte
Beim Einsatz industrieller Software-Produkte muss auch bedacht werden, dass die Software von Massengeräten in sehr großen Stückzahlen eingesetzt wird. Im Gegensatz dazu ist die Software in der industriellen Automation meist nur für Tausende oder auch nur für Hunderte von Anwendungen gedacht. Der Grund hierfür sind lösungsorientierte Funktionen, mit deren Hilfe z. B. komplexe Geräte oder Automatisierungssysteme einfach bedienbar gemacht werden oder spezielle Kundenanforderungen optimiert werden. Dies zeigt, dass Software Produkte für den Einsatz in der Automation von Prinzip her kostenintensiver sind als gängige Bürolösungen. Zudem ist industrielle Automationssoftware im Gegensatz zu Office-Lösungen mit der angeschlossenen Anlage verknüpft und muss daher in der Regel als langfristiges Investitionsgut angesehen werden. Software-Produkte für die Automatisierungstechnik müssen daher update- und upgradefähig sein, um eine langfristige Rentabilität der Investition sicherzustellen. Dies bedingt eine kostenintensive, kontinuierliche und langfristige Pflege der Software-Produkte, die mit steigender Komplexität zunimmt. So erfordern beispielsweise die wachsenden Anforderungen an die graphische Benutzerschnittstelle und die besonders in den Bereichen PC-Hardware und PC-Betriebssysteme herrschende Innovationsdynamik, eine stetige Pflege und Anpassung der Software-Produkte. Auch an die Zuverlässigkeit der Software Funktionen werden bei industrieller Software im Vergleich zu üblicher Standardsoftware höhere Anforderungen gestellt. Sind schon Systemabstürze in der Office Welt höchst ärgerlich, so führen sie in der Automatisierungstechnik in der Regel zu kostspieligen Produktionsausfällen und können sich ggf. sogar auf die Anlagensicherheit auswirken. Dies muss bereits bei der Entwicklung der Software berücksichtigt werden. Eine frühzeitige Einigung von Kunden und Lieferanten auf ein abgestimmtes Qualitätsniveau ist daher bei der Entwicklung industrieller Software unerlässlich. Hierbei muss auch berücksichtigt werden, dass es nach dem gegenwärtigen Stand der Technik und wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht möglich ist Computerprogramme so zu entwickeln, dass sie für alle Anwendungs- und Einsatzbedingungen vollkommen fehlerfrei arbeiten. Art und Umfang der Fehlerbeseitigung durch den Lieferanten ist daher über verschiedene zu vereinbarende Gewährleistungsklassen geregelt. Je nach Klassifizierung hat der Kunde eines Softwareprodukts dabei Anspruch auf individuelle Fehlerbeseitigung oder die Möglichkeit, den Vertrag rückgängig zu machen (Wandlung), bzw. einen Teil des Geldes zurückzuverlangen (Minderung). Vergleicht man industrielle Software mit Hardware-Produkten für die Automation, so liegt ein wesentlicher Unterschied auch in den Nutzungsrechten. Die Nutzungsrechte einer Software werden im Rahmen einer Lizenz übertragen. Dies bedeutet, dass beim Software-Kauf infolge des Urheberrechts die Eigentumsrechte am Datenträger und an der Software selbst getrennt sind. Mit dem Kauf der Software erwirbt der Anwender zwar das Eigentum am Datenträger nicht aber an der Software selbst. Diese bleibt geistiges Eigentum des Urhebers. Der Käufer erwirbt lediglich das Recht, das urheberrechtlich geschützte Werk zu benutzen. Da Software im Automatisierungsumfeld für einen relative kleinen Kundenkreis entwickelt wird, ist es für die Wirtschaftlichkeit noch stärker als bei Office-Software erforderlich, dass nur lizenzierte Produkte eingesetzt werden.
Ergebnisse
Um den Softwareherstellern und -lieferanten den Umgang mit ihren Produkten zu erleichtern, hat die Arbeitsgruppe Software Vermarktung des ZVEI-Fachverbandes Automation, einen Leitfaden herausgegeben der die Unterschiede beim Verkauf von Software gegenüber Hardwareprodukten aufzeigt und eine Anregung für die Vorgehensweise bei der Erstellung, Pflege und Vermarktung von Softwareprodukten und dazugehörigen Leistungen darstellt. Zusätzlich wurde auch eine Kurzinformation und ein Präsentationsvortrag erstellt. Mittels dieser Informationen erhalten die Mitgliedsfirmen die Möglichkeit, die Thematik ‚Software-Produkte in der industriellen Automation‘ in ihrem eigenen Unternehmen zu kommunizieren. Darüber hinaus wurden als Ergänzung der ‚Grünen Lieferbedingungen‘ des ZVEI Ergänzungsklauseln zur Überlassung von Softwareprodukten in der industriellen Automation erstellt. Die Ergänzungsklauseln liegen zur Zeit als Entwurf vor und werden zur Zeit als Konditionenempfehlung beim Bundeskartellamt angemeldet. Nachdem der industrielle Wohlstand jahrzehntelang auf Stahl basierte und in den letzten 20 Jahren vom Silizium abgelöst wurde, rückt mit dem Einzug der Informationstechnologie ein neuer Rohstoff auch in der Automatisierungstechnik in den Mittelpunkt des Interesses: Der Rohstoff Software. Man kann davon ausgehen, dass bereits heute ein Großteil der Investitionen von Maschinen- und Anlagenherstellern für Software getätigt werden. So spielt im Maschinen und Anlagenbau die Applikations- oder Anwendungssoftware hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit und der Differenzierung untereinander eine immer wichtigere Rolle. Hier gilt es, stetig zu investieren, ist doch die Anwendungssoftware mit dem enthaltenen Prozess Know-How und vielfältigen Schnittstellen sowie Integrationsmöglichkeiten ein wichtiges Kaufargument. Das zweite Investitionsfeld stellen Engineeringtools dar. Der Maschinen- oder Anlagenbau muss sich derzeit mit einer rasant wachsenden Zahl von Programmier- und Konfigurierungswerkzeugen auseinandersetzen. Bei vergleichsweise geringen Anschaffungs- oder Lizenzkosten werden die größten Kosten bei der Einführung der Software sowie der Schulung von Mitarbeitern verursacht - insbesondere wenn mehr als eine Steuerungstechnologie eingesetzt wird. Die Kosten für Softwarepflege und regelmäßige Updates, oft genug auch von PCs und Laptops die zur Programmierung verwendet werden, werden häufig unterschätzt, besonders die indirekten Kosten, die im Zusammenhang mit der (Aus)Nutzung anfallen. Sie entscheiden jedoch in vielen Fällen über einen erfolgreichen Projektverlauf. |
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