Erschienen im A&D SOFTWAREGUIDE 2001
Dipl.-Ing. Volker Bibelhausen leitet den Vertrieb Automatisierungssysteme bei der Phoenix Contact GmbH & Co KG, Blomberg.
Aus einfachen Anfängen - von der SPS zum vollgrafischen Industrie PC - sind die Aufwendungen für den Rohstoff Software stetig gestiegen und werden voraussichtlich weiter steigen, man denke nur an die Lizenzkosten für das Betriebssystem Windows. Kann da der Produktivitätsforschritt mithalten? Fortwährend zu innovieren und zu investieren gilt auch für die Hersteller von Engineeringtools, denn jede Programmier- oder auch Visualisierungs-Software wird mit den zunehmenden Anforderungen der Kunden immer komplexer und funktionaler. Zugleich muss sie aber zur eigenen Produktpalette kompatibel bleiben. Darüber hinaus führt heute kein Weg an den Microsoft Standards mit all seinen Vor- und Nachteilen und seiner Versionsvielfalt vorbei. Verglichen mit früheren oder auch speziellen Betriebssystemen führte die immer bessere Bedienoberfläche und Systemarchitektur, verbunden mit den vielfältigen Integrationsmöglichkeiten durch neue Technologien, wie OPC,Active-X,XML und DCOM, zu Vereinfachungen und Standardisierungen. Letztendlich stellt sich aber wie so oft die Frage, ob der wirkliche Produktivitätsfortschritt den Erwartungen entsprochen hat. Es hat einige Zeit gedauert, bis Windows-basierende Engineering Software in der Bedienung weniger ‚informatisch‘ und durch mehr Praxistauglichkeit geprägt war. Anders herum gesagt: Es hat seine Zeit gebraucht, bis der Informatiker gelernt hat, dass auf einer Baustelle, vor dem Schaltschrank oder unter Zeitdruck eine Menüführung durch Maus- oder Trackpad unter Umständen weder möglich noch sinnvoll ist. Nachdem nahezu alle Hersteller in den letzten Jahren ihre Software Produkte auf den neusten Stand gebracht haben und die Komplexität durch Modularität und Aufteilung in Software-Komponenten beherrschbar gemacht haben, steht die Automatisierung nun vor einem weiteren Innovations- und ganz sicher auch Investitionsschritt: Der Rohstoff Software wandert an die Stellen, wo er benötigt wird - die dezentrale oder verteilte Steuerungstechnik kommt! Dieser Schritt in Richtung modularer und auch ‚mechatronischer‘ Funktionseinheiten könnte zu einem echten Produktivitätsforschritt führen, wenn er sich konsequent an den Projektphasen und insbesondere den echten Arbeitsabläufen orientieren würde. Lässt man einmal das Thema Ethernet, das immer wieder im Zusammenhang mit verteilter Intelligenz angeführt wird weg, so deuten die ersten Ansätze auf eine wiederum zunächst ‚informatische‘ Sicht der Dinge.Anders herum gesprochen:Wie stellt sich der Informatiker beispielsweise die Arbeitsabläufe eines Anlagenherstellers vor? Gleich, ob oder wie die verschiedenen Ansätze zur dezentralen und verteilten Steuerungstechnik diesen Punkt berücksichtigen werden: Ein echtes Werkzeug kann nur auf die Anwender zugeschnitten sein. Hinsichtlich der Projektphasen wird sich die Qualität jeder Engineeringtools erst während einer Inbetriebnahmephase beweisen. Der Informatiker müsste also eigentlich ein Fachmann für Inbetriebnahmen sein. Sind vor der Inbetriebnahmephase, also während der Projektierung und Programmierung, noch echte ‚informatische‘ Themen wie Datenhaltung und Projektdatenbanken, Programmstruktur, Wiederverwend- oder Instanzierbarkeit gefordert, so erfolgt während der Inbetriebnahme ein Anwenderwechsel: Erstmalig treten die späteren Nutzer und Instandhalter auf den Plan. Sie haben naturgemäß eine viel stärkere Erwartung an die eingesetzte Software, nämlich Einfachheit. Vergessen wir eines nicht - während der Inbetriebnahme steht jedes Projekt unter dem größten Erfolgszwang. Unter dem Zeitdruck einer anstehenden Abnahme durch den Kunden, war es am Ende doch vielleicht die verständliche Variablendarstellung und einfache Benutzerführung, die den Produktionsanlauf zeitgerecht möglich gemacht hat. Entscheidend für die weitere Entwicklung der Engineeringtools, insbesondere vor dem Hintergrund der verteilten Automation, wird aus Sicht der Hersteller die Nutzenverteilung sein. Wer hat zukünftig von einer neuen Softwaregeneration, ob mit oder ohne verteilte Automatisierung, den größeren Nutzen? Auf der einen Seite könnten das die Maschinen und Anlagenhersteller als Kunden sein. Sie haben ein hohes Interesse an der Modularität und Wiederverwendbarkeit ihrer eigenentwickelten Anwendungssoftware. Auf der anderen Seite kann das der spätere Nutzer und Anwender sein, also der Kunden des Kunden, für den einfache Bedienbarkeit, Wartungsfreundlichkeit oder Diagnose im Vordergrund stehen. Welchen Ausbildungsstand sollte ein Instandhalter besitzen, wenn er für die Verfügbarkeit einer Maschine oder Anlage mit neuester Technologie verantwortlich ist? Oder wenn ein Software-Update erforderlich wird? Und dann in einer Installation mit dezentralen oder sogar verteilten Steuerungen? Interessante Fragen, die sich an dieser Stelle auftun. Es wird eine Schlüsselaufgabe der Hersteller sein die immer größere Komplexität für den Anwender beherrschbar zu machen. Begriffe wie ‚Commonalty‘ und ‚Reliability‘ fallen in diesem Zusammenhang beim Endkunden. Es wird in den nächsten Jahren spannend zu verfolgen welche Philosophien und Technologien bei welcher Nutzenverteilung den Rohstoff Software weiter veredeln werden, damit er beherrschbar wird und vielleicht sogar zu echtem Produktivitätsforschritt führt. |
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