Erschienen im A&D SOFTWAREGUIDE 2001
Dieter Hess ist Geschäftsführer der 3S Smart Software Solutions GmbH.
Software ist in der Automatisierung nichts wert. Diesen Eindruck vermitteln viele Anbieter von Automatisierungssystemen. Da heißt es oft, dass größeren Kunden etwa die Programmiersoftware dazugeschenkt werden muss, da dies sowieso branchenüblich sei. Kleinere Kunden wiederum seien nicht bereit, für Software Beträge auszugeben, die in die Größenordnung der beschafften Hardware reichen. Dies ist jedoch eine Fehleinschätzung. Anwender, die nachrechnen, merken schnell: Die Kosten für die Anwendungsentwicklung einer Anlage liegen oft deutlich über den Kosten der Hardware. Wesentlich für die Größe dieses Kostenblocks ist die Funktionalität und Qualität der eingesetzten Projektierungssoftware. Auch all die Verheißungen und neuen Trends in der Automatisierung wie etwa PC-basierte Steuerungen, Ethernet oder web-basierte Fernwartung kommen nicht durch die bahnbrechende Entwicklung neuer Hardwarekomponenten zustande, sondern durch den intelligenten Einsatz von Software auf Hardware, die schon seit Jahren als Standard verfügbar ist. Und ob etwa ein Web-Server auf einer Steuerung lediglich ein Messegag ist oder ob er sinnvoll, d.h. Zeit und Geld sparend, in der Praxis eingesetzt werden kann, liegt vor allem an der verwendeten Projektierungssoftware. Auch Hersteller von Automatisierungssystemen kommen an der Bedeutung der Software nicht mehr vorbei. So unterschiedlich die Hardwaresysteme auch wirken: Sicherlich haben über 85 Prozent, also die Mehrheit der Kleinsteuerungen, Antriebe und intelligenten I/Os denselben Prozessor. Und im Bereich der High-End-Steuerungen kommt keiner langfristig an x86-kompatiblen Prozessoren vorbei. Dies hat zur Folge, dass Preisstrukturen und prinzipielle Leistungsfähigkeit der Steuerungen ähnlich sind. Die mitgelieferte Projektierungssoftware wird zum wesentlichen Unterscheidungsfaktor. Der Endanwender ist auf jeden Fall gut beraten, die Software zu einem Automatisierungssystem genau in Augenschein zu nehmen und stärker als bisher Ansprüche an diese zu stellen. Der Wechsel eines Software-Pakets mag zunächst als unüberwindliche Hürde dastehen, kann sich aber sehr schnell lohnen. Denn bei der heute erhältlichen Automatisierungssoftware gibt es zum Teil erhebliches Verbesserungspotential. Zum einen hat Automatisierungssoftware oft künstliche Einschränkungen, etwa die Größe des I/O- oder Merkerbereichs - manchmal versehentlich, oft ganz bewusst, um den Endanwender zum Einsatz größerer und kostspieligerer Hardware zu zwingen. Kein Endanwender sollte so etwas heute akzeptieren. Zum anderen ist da die viel beschworene, aber immer noch nicht gegebene Durchgängigkeit zwischen den einzelnen Tools, die an der Projektierung einer Anlage beteiligt sind, wie etwa Programmierung, Visualisierung, Feldbuskonfiguration, Bewegungsprogrammierung etc. Um diese Verbesserung zu erreichen, sind vor allem offene Schnittstellen und Standards nötig. Da viele Hardwarehersteller solche offenen, standardisierten Schnittstellen aus Eigeninteresse nicht entwickeln, ist es Sache der Endanwender, dies nachhaltig einzufordern. Schließlich liegt ein riesiges unausgeschöpftes Potential in anderen modernen Programmiermethoden. Hier bietet besonders die Abbildung von Maschinenmodulen auf wiederverwendbare, kombinierbare Softwareobjekte ein enormes Sparpotential. Hierbei werden für einzelne Teile bzw. Optionen einer Maschine Softwaremodule mit geeigneten Schnittstellen erstellt. Wird dann eine Maschine aus solchen Einzelteilen gebaut, genügt es zur Anwendungsentwicklung, die zugehörigen Softwaremodule zusammenzustellen. Die wenigen uns bekannten Firmen, die eine solche Programmiermethodik nutzen, sind um Größenordnungen effektiver bei der Anwendungsentwicklung als andere Unternehmen. Um diesen Vorteil nutzen zu können, sollte Automatisierungssoftware ein solches Vorgehen unterstützen oder sogar vorgeben. Software ist ein ausschlaggebender Faktor in der Automatisierung. Endkunden könnten künftig ihren Einfluss stärker geltend machen. Wenn sie die Software ganz explizit zu einem wesentlichen Entscheidungskriterium bei der Anschaffung von Automatisierungslösungen erheben, bestehen gute Chancen, dass sie die oben aufgezeigten Potentiale tatsächlich nutzen können. |
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