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| MARTIN JETTER ist CEO der Jetter AG |
Eine Anekdote, die jeder Vertriebsmitarbeiter unserer Branche kennt: Ein Kunde ist hell entrüstet, dass er 1000 Euro für ein Software-Tool für seine Steuerung bezahlen soll, „wo ich doch so-und-so-viele tausend Euro Jahr für Jahr Hardware-Umsatz mit euch mache!“ Beim Hinausgehen erzählt der Kunde beiläufig, dass er gestern einen Software-Vertrag in 7-stelliger Höhe mit einem SAP-Provider abgeschlossen hat. Wohlgemerkt: unabhängig und zusätzlich zu dem ebenfalls wohldotierten Vertrag über PC-Hardware.
Was die IT-Welt längst akzeptiert hat, nämlich die Trennung von Soft- und Hardwarekosten, scheint in der Automatisierungsbranche noch in weiter Ferne zu sein, allen Beteuerungen über den Wert und die Bedeutung von Software zum Trotz. Diese Kosten werden vom Kunden - siehe oben - nicht als eigenständiger Wert anerkannt und müssen daher „versteckt“ werden. Dies gilt sowohl für Standardprogramme wie z.B. Tools, als auch für Applikationsdienstleistungen. Was aber, wenn diese Entwicklungskosten für die Automatisierungsanbieter so dominant geworden sind, dass sie nicht mehr ‚versteckt‘ werden können?
Es ist wohl an der Zeit, selbstkritisch zuzugeben, dass wir Automatisierer selbst Schuld daran haben. Das Kernproblem ist nämlich unser gutes altes Businessmodell. Es stammt noch aus der Zeit der Hardware-Dominanz. Der Automatisierungskunde hat traditionell in Hardware gedacht. Erst in Schützen und Relais, später dann in Logikbausteinen. Und die Erfinder der SPS haben ihn darin noch weiter unterstützt: der Kontaktplan sollte diese Illusion weiter aufrechterhalten. Und in Zeiten zunehmender Software-Dominanz haben wir munter weiter Software-Entwicklungskosten in Hardware verpackt. Ob Runtime-Software, Betriebssystem oder Tool: alles ist am Ende nach harten Verhandlungen meist ‚all inclusive‘.
Den ersten und bisher einzigen ‚Ausbruchversuch‘“ haben die Hersteller von Soft-SPSen und PC-basierten Visualisierungssystemen unternommen. Wegen der Austauschbarkeit ihrer Hardware, des PC, waren sie gezwungen, die Businessmodelle der PC-Welt zu adoptieren. Bisher mit mäßigem Erfolg.
Aber sind die Wettbewerbschancen nicht dadurch gewahrt geblieben, dass alle Automatisierungsanbieter dasselbe Problem haben?
Leider nicht. Weil es nämlich einen Unterschied zwischen Systemanbietern, also zum Beispiel SPS-Anbietern, und Komponenten-Anbietern, also zum Beispiel Feldgeräte- oder Antriebs-Hersteller gibt. Erstere müssen Tools schaffen zur Entwicklung von Gesamtsystemen einschließlich Vernetzung, Debugging, Wartung, Analyse und Pflege. Zweitere können einen Teil dieser Anforderungen auf die Systemanbieter ‚abwälzen‘“ und kommen daher im Verhältnis zu geringeren Software-Entwicklungskosten, setzen aber mit ihren Geräten für die gesamte Branche den Preismaßstab. Wenn nun in einem System beispielsweise eine Steuerung im Wert von 5000 Euro zusammen mit Feldgeräten im Wert von 15 000 Euro untergebracht ist, kann nicht der Steuerungshersteller den Löwenanteil der Softwarekosten tragen.
Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma besteht in einer radikalen Änderung des Businessmodells: Software muss von Hardware separiert werden, und sie muss teuer genug sein, dass die Hersteller es sich leisten können, sie permanent und intensiv weiterentwickeln zu können. Dies ist nicht zuletzt im Interesse der Anwender, die dadurch am Ende am meisten von dieser Änderung profitieren werden. Beginnen muss dieser Bewusstseinswechsel allerdings in den führenden Köpfen der Automatisierungsanbieter. Es wird ohnehin schwer genug werden, ihn durchzusetzen. |
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